Der Anfang

Der Anfang ist bedeutsam

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Alles, was am Anfang geschieht, hat existentielle Qualität.

Vor noch nicht allzu langer Zeit hat man geglaubt, das Leben beginne mit der Geburt. Man ging davon aus, dass ein Baby im Mutterbauch nichts wahrnimmt, nichts empfindet, nichts spürt, weder Schmerz noch Angst. Inzwischen hat man das als Irrtum erkannt. Doch die Wissenschaft tut sich auch heute noch sehr schwer mit der Entdeckung, dass das Leben im Mutterleib unser Da-Sein wesentlich prägt. Das wird immer noch als unwissenschaftliche Behauptung abgetan, weil unser Nervensystem angeblich im Stadium vor der Geburt noch nicht vollständig ausgebildet sei.

Grundsätzlich ist das Gebiet der Pränatal-Forschung (also der vorgeburtlichen Erforschung) ein noch ziemlich unbekanntes Terrain, das erst in den letzten 40 Jahren intensiv beforscht wurde. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind bahnbrechend. Sie deuten ganz klar darauf hin, dass die Art und Weise, wie wir als Sein in unserer Zeugung empfangen wurden, und wie wir auf unserem Weg bis zur Geburt in Kontakt mit Mutter und Vater sein konnten, sehr wesentlich und sehr prägend für unser späteres Leben sind. Diese vorgeburtliche Zeit formt auch die Art und Weise, wie wir später Beziehung und Verbundenheit mit anderen erleben und gestalten.

Leider sind diese fundamental wichtigen Erkenntnisse bis heute nicht in unserer Gesellschaft angekommen. Sie finden auch kaum Beachtung bei Ärzt*innen, Gynäkolog*innen, bei Hebammen, in den Geburtsabteilungen von Spitälern, etc. Und so werden wir als „Seins-Funken“ nicht mit der notwendigen Achtsamkeit und den notwendigen Einsichten begleitet auf unserem Weg vom Sein ins Da-Sein. Wir werden nicht empfangen als multidimensionale, unendliche Wesen, die wir sind. Das hat tragische Folgen für unser Mensch-Sein und für die Erde. Erfahre hier mehr zur „Wunde“, die wir alle in uns tragen.

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Stell‘ dir vor, welche Transformation unserer Gesellschaft möglich wäre, wenn wir alle empfangen würden wie die Kinder dieses afrikanischen Stammes:

Das Seelen-Lied

Eine Geschichte erzählt, dass es einen Stamm in Afrika gibt, bei dem das Geburtsdatum des Kindes nicht der Tag ist, an dem es geboren wird, auch nicht der Tag, an dem es empfangen wurde, sondern der Tag, an dem das Kind erstmals als Gedanke im Kopf seiner Mutter erschien. Und wenn eine Frau beschliesst, dass sie das Kind empfangen will, geht sie aus dem Dorf heraus und setzt sich unter einen Baum, und sie lauscht in sich hinein, bis sie das Lied des Kindes hören kann, das durch sie geboren werden will. Und nachdem sie das Lied gehört hat, kehrt sie zurück zu ihrem Mann, welcher der Vater des Kindes sein wird, und lehrt auch ihn das Lied. Wenn sie sich dann lieben, um das Kind körperlich zu empfangen, dann singen sie gemeinsam das Lied des Kindes als eine Einladung.

pregnant-2403208_1920Wenn die Mutter schwanger ist, lehrt sie auch die Hebammen und die alten Frauen des Dorfes das Lied zu singen, sodass die Menschen um sie herum während der Geburt das Lied des Kindes singen können, um es zu begrüssen. Und dann, wenn das Kind aufwächst, haben auch die anderen Dorfbewohner sein Lied gelernt. Wenn das Kind fällt und seine Knie schmerzen, schliesst es jemand in die Arme und singt sein Lied dazu. Wann immer das Kind etwas Wunderbares tut, wenn es durch die Riten der Pubertät geht, wenn es heiratet ─ auch dann singen die Menschen des Dorfes sein Lied, um seine Seele zu ehren.

In diesem afrikanischen Stamm gibt es noch eine weitere Gelegenheit, zu der die Dorfbewohner für das Kind singen: Wenn dieser Mensch zu irgendeinem Zeitpunkt während seines oder ihres Lebens ein Verbrechen begeht, wird er in das Zentrum des Dorfes gerufen und die Menschen in seiner Gemeinschaft bilden einen Kreis um ihn herum. Und dann singen sie behutsam das Lied für dieses Geschöpf. Der Stamm fühlt, dass sein Verhalten nicht nach Bestrafung ruft, sondern nach Liebe und nach Erinnerung an die wahre Essenz seiner Seele.

Ein Freund, so sagen sie, ist jemand, der das Lied deiner Seele singt, wenn du es selbst vergessen hast.

Und auf diese Weise geht dieser Mensch durch sein Leben. In der Ehe singen die Partner ihre Lieder füreinander – und sie singen gemeinsam. Und schliesslich, wenn dieses Wesen, dieser Mensch, eines Tages auf dem Sterbebett liegt, bereit diese Welt zu verlassen, dann kommen die Dorfbewohner zusammen und singen – ein letztes Mal – das Lied für diesen Menschen.

(~ frei nach Alan Cohen, aus dem Buch „Wisdom of the Heart“ ~)